Kurz in eine Geschichte hineinschauen

...und einem vorschreiben, wo die Sonne ist.

 

Eugen Camenzind räkelt sich in seinem alten Lehnsessel. Er hält einige wenige Bilder in der Hand.
Es sind Schwarzweißaufnahmen aus seiner Schul, - Studien - und Berufszeit: Gesichter mit abenteuerlichen Zahnlücken, welche die eigene Erinnerungen nicht vergisst, wunderlich an zu sehende Haarschnitte, dünne Beine in kurzen Hosen und viel zu große Schultüten, die in den meisten Fällen sehr karg gefüllt waren.
Ja! Die Zeit damals war kein Füllhorn.

Das Leben hat ihn erfunden, ohne danach zu fragen, ob er wirklich existieren will. Damals kam er sich regelrecht ausgespuckt vor.
Camenzind lächelt vielsagend vor sich hin. Er tut das in der Art und Weise wie es nur jemand tun kann, der einige Jahrzehnte in seinen Rucksack hinein gepackt hat. Und diese Jahrzehnte wiederum sind angefüllt mit Erfahrungen.
Eugen Camenzind erhebt sich aus seinem Sessel, legt die Bilder auf den kleinen Tisch vor seinen Füßen und schlurft in die Küche. Das Kücheschlurfen steht ihm, findet er noch heute. Seine ehemalige Frau fand sein Geschlurfe einfach widerlich. "Du bist doch kein alter Mann," rief sie entsetzt. Nein! Das bin ich nicht! Mit seinen 55 Lenzen steht er noch sehr agil im Leben.
Wieder läuft ein leichtes Grinsen über sein Gesicht. Dieser Gesichtsausdruck gefällt seiner Tochter. Andere Menschen verunsichert diese Gesichtseinlage oder sie nehmen an, er würde sich über sie lustig machen. "Aber genau das tue ich nicht," sagt Camenzind laut zu sich selbst als er in der Küche angekommen ist. "Mein Lächeln ist allein Ausdruck meines Lebenssinns. Es ist der Ausdruck von Kraft und Energie, Freude und meiner Lebenslust. Das ist besser als jeder Powerriegel von Ovomaltine oder andere Energiesüßigkeiten. "
Eugen fingert in sein Weinregal und nimmt einen roten Bordeaux heraus. Jahrgang 1997. Wunderbar! Den mache ich heute Abend auf, denkt er. Natürlich denkt er! Laut sagt er: "Das wundert einen schon, wenn die Leute denke - ich sagen, als wären sie des Denkens nicht mächtig." Er schüttelt den Kopf. Dann beginnt er wie ein kleiner Junge zu lachen, ob seines eigenen Schabernacks. Er hält die Flasche zwischen seinen beiden Oberschenkeln fest und zieht mit einem Korkenzieher den Korken heraus. Plopp macht es. Hm, kein bisschen Korken. Wenn der mal nicht in Eichenfässern gereift ist. Das kann heutzutage niemand mit Bestimmtheit mehr sagen. Außer den Herstellern oder den Weingärtnern. Was denkt er sich heute Abend nur für einen Blödsinn zurecht. Als ob es Weingärtner geben würde. Obwohl..., wenn er den Beruf genau betrachtet, sind Winzer auch Weingärtner. Berufe, Berufe! Der Berufene kommt zu seinem Berufe, wie der Mörder zum Gärtner wird. Camenzind schmunzelt vor sich hin und nimmt einen Schluck vom Roten. Das ist ein Genuss. Er schüttet nach und geht - ja er geht diesmal - aus seiner Küche heraus.
Eugen Camenzind liegt auf seinem Sofa. Die Augenlider sind halb geschlossen. Ich höre und denke. Wer fühlen will, muss hören. Wie ist er zu seinem Beruf gekommen? Durch Ausdauer. Durch einen Glücksfall. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Kann ich das so einfach behaupten? Unsinn oder Lebenssinn? Ich bin Umwege gegangen. Weite Umwege. Ich bin keine Karriereleiter herauf gefallen und ich konnte mich durch keine Chefetagen nach oben schlafen. Damals gab es noch wenige richtige, offizielle Chefinnen. Und der Homosexualität wurde in der Öffentlichkeit keinen Krumen Korn nachgeschmissen. Ein Berufsziel gab es in seiner Jugendzeit nicht für ihn. Also, so kann er das auch wieder nicht behaupten. Es gab damals einige Menschen, die sagten ihm, ohne Beruf könne er nicht existieren. Ja! Nur existieren alleine wollte er auch nicht. Nein! Er wünschte schon damals das Leben! Existenz und das Leben...
In dieser Zeit muss er sich viel anhören. Nichts macht er richtig. Immer war es falsch in den Augen der anderen. Und so stapfte er weiter in den Augen der anderen und nicht sich selbst beachtend. Unglücklich. Tief traurig und mit sehr langen Haaren. Sich selbst noch nicht spürend aber sehr früh ein Schatten seiner selbst.

Das ist mühsam um diese Uhrzeit solche Retrospektiven an zu stellen. Es ist schöner weinlaunig zu dämmern. Dämmerschoppen, Dämmergärtner, Weinmörder, Winzerschuster, Leistenclown...
Eugen läuft den Hügel hinter der Dorfkirche hoch. Der Schulranzen wippt aufgeregt auf seinem Rücken auf und ab. Er ist sehr spät von zu Hause losgegangen. Jetzt muss er sich sputen. Er schaut den Berg hoch. Dort oben steht seine Mooshütte. Gut bewacht von den mächtigen Eichen und beschützt unter wilden Himbeersträuchern. Seine Beine sind schneller als sein Kopf, denn er stolpert über einen klobigen Stein und fällt Kopf über in den Staub des Schulweges. Er hat sich sein Knie aufgeschlagen. Die Tränen laufen ihm über seine Backen. Eugen brüllt vor Wut und Schmerz. Aber er steht auf und läuft und läuft und läuft.

Jetzt erreicht er die Letzten auf dem Schulweg und er läuft nicht mehr so schnell. Dann beginnt ein Ritual, das er hasst. Sie müssen sich anstellen. In Zweierreihen vor dem Schulgebäude. Die Größten nach vorne und die Kleinsten ganz nach hinten. Orgelpfeifenrapport sagt seine Großmutter dazu, denn alles muss seine Ordnung haben. Auch die kleinen Schulbuben müssen diesen Lebenssinn begreifen.

Hau ab, denn ich bin größer als du! Er wird geschuppst und gekniffen. Jeden Morgen dasselbe Gezeter. Plötzlich kommt ein Lehrer wie aus dem Nichts. Er schreit sie an. Dann knallt er den Hinterkopf Eugens mit dem Hinterkopf des Schuppsers zusammen und entscheidet wer der Längste ist. Jetzt steht Eugen ganz vorne und immer noch in Staub gehüllt. Dann beginnt die Schulglocke zu läuten. Der Zug der Schüler und Schülerinnen setzt sich schweigend in Bewegung. Im nächsten Augenblick greift die kräftige Hand des Direktors nach seinem rechten Ohr. "Mein Lieber, wie viel ist 25 multipliziert mit 27? Schnell, schnell!" Eugens Kopf ist immer noch nicht wach. Die Schmerzen im Knie mischen sich mit dem teuflischen Schmerz des Ohren - lang - ziehens. Jetzt kann er überhaupt nicht mehr denken. Er spürt seine Existenz bedroht aber er lebt nicht mehr. Das Schattendasein nimmt weiter seinen Verlauf. Ein Schatten mit Tränen in den Augen und der Drohung des Direktors: "Morgen kannst Du rechnen!" Wie oft hatte er diesen Befehl schon mitanhören müssen? Tausendmal? Jedes Mal!

Was habe ich eben gedacht? Eugen Camenzind schreckt hoch. Schuster bleib bei Deinen Leisten? Nein! Ach ja! Jetzt fällt es ihm wieder ein. Er hatte mit dem Wort Gärtner gespielt. Und dann dieser Traum. Er musste wohl wirklich eingenickt sein. Rotweinschlaf ist doch ein wohliges Schaf. Jetzt fehlt nur noch er würde an ein wolliges Schaf denken. Was macht ihn im Augenblick so schläfrig und albern? Camenzind nippt an seinem Rotwein und gähnt. Sein Thema ist doch keineswegs uninteressant. Ich sage es einmal deutlich und gerade heraus aus meinem Bauch: Das Thema Lehrlingsdasein und Lebenssinn brennt gerade zu lichterloh unter den Fingernägeln.

Eugen Camenzind springt aus dem Sofa auf und eilt in sein Arbeitszimmer. Er sucht. Dann greift er zielsicher in ein Regal. Er schlägt ein schwarzes Buch auf. Die Vorderseite ist mit dem Schriftzug Tagebuch versehen.
Camenzind blättert im Tagebuch. Gedankenverloren geht er zurück zu seinem Traumsofa, denn von dieser Stelle kann er die Wolkenbilder verfolgen, den Feuerflug der Sonne und das Morgen - und Abendleuchten der Berge, das Heraufziehen des Nebels wie Walzüge im Polarmeer.

Bern, 12. April 1970:
Die Jugend nimmt den Weg, der ihr von der Erwachsenenwelt vorgetrampelt wird. Und es führen immer noch viele Wege nach Rom. Wen nimmt es Wunder, dass sich viele junge Menschen nach der Vorbildfunktion ihrer Eltern entwickeln und auf Spurensuche begeben. Aber diese Vielfalt von Spuren kann ebenso niederschmetternd sein, denn auf welchen Pfad soll sich eine junge Frau oder junger Mann begeben? Es gibt nichts was es nicht schon gibt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass oft eine Peitsche im Hintergrund einen Menschen in eine bestimmte Richtung rennen läßt.
Zürich, 31. September 1999:
Meine Tochter meint, manche Menschen brauchen einen Stoss in die richtige Richtung. Ich bin der Meinung, wenn sie sich geborgen fühlen und ihnen Vertrauen und Geduld entgegengebracht wird, dann entwickeln sie sich. Die eine früher, der andere später.
Locarno, 12.12. 2000:
Meine Tochter muss reden.
Ich bin der Überzeugung, Reden dient dem Zweck der Verständigung, der Abgrenzung und dem Lösen Lebens notwendiger Konflikte.

...Sie sagt etwas von Fun, Spaß und Tanzen gehen. Ich meine, ich muss laufen, um meine Seele zu spüren. Da hat sie gelacht und ich bin in ihr Gelächter eingefallen.

Meine Tochter sagt, ich will... Ich entgegne ihr, ich lasse viele Dinge auf mich zukommen...
Meine Tochter spricht aus, ich habe ein Ziel! Das will ich in einem Jahr erreicht haben... Aber ich rede von Lebensziel und Lebenssinn. Ob ich das alles erreiche?...

...Sie sagt, ich bin von mir überzeugt, weil ich weiß was ich kann und will und ich antworte ihr, mein Leben macht Sinn, weil ich es geschafft habe zu existieren und zu leben als auch Dich wachsen zu sehen.

Zürich, 24.Februar 2001
Die Liebe ist zerbrochen. Zwei Fährtenjäger trennen sich. Ruth, meine Tochter, sagt mir, ich solle doch an mich glauben.
Ich bin der Unsinn. Ich bin der Sinn. Ich bin die Frage. Ich bin die Wut. Ich bin das Nachvornegehen. Ich bin das Weinen. Ich bin das Lachen. Ich bin der Traum.

Locarno, 2.06. 2001
Ruth schreibt mir, sie lerne deshalb so viel, weil sie einen Beruf will, der ihr die Möglichkeit gibt gut zu leben.
Meine Rückantwort lautet: Ein Beruf mit dem Du viel Knete verdienst, gibt Dir nicht alleine die Möglichkeit zu leben. Eine Existenz vielleicht. Oder arbeitest Du etwa um zu leben? Oder lebst du, um zu arbeiten?

Die Wohnung ist gerade einmal groß genug, um das Bett, die Stereoanlage, einige Schulbücher und Poster zu beherbergen. Eine winzige Dusche mit Toilette komplettieren das Ganze. Ja! Eine klitzekleine Kochnische zwängt sich neben das einzige Fenster. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf eine rote Backsteinwand.
Ich ziehe meine schwarze Hose an. Ich habe schweißige Hände. Mein Blick ist starr und konzentriert. Jetzt ziehe ich noch meinen schwarzen Pullover über.
In meinem kleinen Zimmer gehe ich hin und her. Ich rauche wie ein Schlot. Die Zigarettenstummel werfe ich in leere Bierdosen, die auf dem Fußboden verstreut herumvagabundieren. Aus den Lautsprechern dröhnt der Bass vibrierend. Ich schreie zum dumpfen Rhythmus des Hardrocksounds: "Ich beginne den Kampf der Vergeltung! Vergeltung! Vergeltung!" Hierbei stampfe ich abwechselnd zur Musik mit meinen bloßen Füssen auf. Die Muskeln sind angespannt. Ich bin stark.
"Der Olle arbeitet und verdient wie ne Sau und meine Mutter ist Grafikerin auf der Überholspur. Doch jetzt werde ich sie alle überholen, gnadenlos! Gnadenlos! Ich werde etwas schaffen, das hat die Welt noch nicht gesehen! Mein Recht werde ich holen und niemand vermag mich zu stoppen!"
Ich ziehe meine Springerstiefel an. Wo ist der verdammte Mantel? Ja dort unterm Bett neben dem Gewehr. Ich verstecke das Gewehr unter meinem Mantel und begebe mich auf den Schulweg...

Eugen Camenzind wacht in Schweiß gebadet auf. Er ist verwirrt. Eugen verschüttet den Rotwein auf sein Tagebuch:
Locarno, 8.07. 1973
...Wieso nicht Lehrgärtner? Weil diese Menschen einen so fürsorglich anbinden und einem vorschreiben, wo die Sonne ist.

© Matthias Bähr

Diese Erzählung erschien 01/ 2004 in der Zeitschrift BERUFSBILDUNG SCHWEIZ www.bch-fps.ch oder www.leve.ch